Deliberation ist ein dialogischer Prozess der Meinungs- und Urteilsbildung, bei dem Menschen unterschiedliche Perspektiven, Argumente und Informationen austauschen, um möglichst gemeinwohlorientierte Entscheidungen zu entwickeln. Merkmal einer Deliberation ist die gemeinsame Beratung von Argumenten und Behauptungen, Interessen und möglichen Folgen von Entscheidungen.
Der Begriff ist mit Jürgen Habermas‘ Diskursethik und seiner Theorie des kommunikativen Handelns verbunden. Demnach können politische Normen nur dann Legitimität beanspruchen, wenn alle potenziell Betroffenen ihnen unter Berücksichtigung ihrer Folgen zustimmen können. Diese Zustimmung darf nicht erzwungen werden, sondern soll in einem offenen Prozess der Argumentation, Kritik und wechselseitigen Überzeugung entstehen.
In nahezu allen Methoden, Formaten und Verfahren der Bürgerbeteiligung ist Deliberation das leitende Prinzip.
Der idealtypische Teilnehmer einer Deliberation weist folgende Merkmale auf:
- Vollständige Informiertheit: Er kennt alle relevanten Fakten, versteht wissenschaftliche Zusammenhänge, erkennt Fehlinformationen sofort und kann Unsicherheiten und Wissenslücken benennen.
- Perspektivenvielfalt: Er versteht die Sicht aller Betroffenen, kann sich in jede Lebenslage hineinversetzen, erkennt Interessen, Bedürfnisse und Ängste verschiedener Gruppen und denkt lokal und global zugleich.
- Maximale Empathie: Er hört wirklich zu, nimmt Gefühle ernst, wertschätzt andere Positionen und unterscheidet zwischen Positionen und Personen.
- Kritisches Denken: Er hinterfragt Annahmen, erkennt Denkfehler und Manipulation, trennt Fakten von Meinungen und bewertet Argumente unabhängig von ihrer Herkunft.
- Kreativität: Er entwickelt neue Lösungsansätze, verbindet scheinbar gegensätzliche Interessen, entdeckt win-win-Lösungen und denkt über etablierte Grenzen hinaus.
- Dialogfähigkeit: Er formuliert verständlich, erklärt komplexe Themen einfach, stellt gute Fragen und fördert die Beteiligung anderer, statt sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen.
- Selbstreflexion: Er kennt eigene Vorurteile, erkennt blinde Flecken, ist bereit, Meinungen zu ändern, und weiß, dass auch perfekte Kompetenz keine perfekte Wahrheit garantiert.
- Gemeinwohlorientierung: Er berücksichtigt langfristige Auswirkungen, achtet auf Minderheiteninteressen, schützt zukünftige Generationen und sucht den größtmöglichen Nutzen bei geringstmöglichem Schaden.
Faktisch erfüllen die Teilnehmenden eines Beteiligungsverfahrens diese Voraussetzungen in unterschiedlichem Maße, sodass die Gefahr von Beteiligungsungleichheit besteht. Hinzu kommt, dass kognitive Verzerrungen die Diskursqualität beeinträchtigen können. Echte Deliberation bleibt deshalb ein Idealbild, das ein guter Beteiligungsprozess dennoch so weit wie möglich anstrebt.
