Die Habermas-Maschine ist ein von Google DeepMind entwickeltes KI-System, das Menschen dabei unterstützen soll, gemeinsame Positionen zu strittigen politischen Fragen zu finden.
Das System verarbeitet die individuellen Meinungen der Teilnehmenden einer Deliberation, um daraus schrittweise Gruppenaussagen zu generieren. Zunächst formuliert jede Person ihre Position schriftlich. Die KI liest alle Beiträge und entwirft eine gemeinsame Aussage, die möglichst viele Standpunkte integriert. Die Teilnehmenden kommentieren diesen Entwurf, woraufhin die KI ihn überarbeitet. Diese Schleife wiederholt sich, bis eine Gruppenaussage mit möglichst breiter Zustimmung vorliegt. Das System ist ausschließlich darauf ausgelegt, Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten und in akzeptable Formulierungen zu überführen – nicht dazu, einzelne Beiträge zu bewerten oder zu kritisieren.
In einem Experiment mit über 5.700 Teilnehmenden aus dem Vereinigten Königreich, die in Kleingruppen zu Themen wie Einwanderung, Klimaschutz und Mindestlohn deliberierten, schnitten die KI-generierten Gruppenaussagen nach Einschätzung der Teilnehmenden besser ab als die unter menschlicher Moderation: Sie wurden als klarer, ausgewogener und informativer bewertet. Die Gruppen waren nach KI-vermittelter Deliberation im Durchschnitt weniger gespalten als nach unmoderierter Diskussion oder menschlicher Moderation.
Bemängelt wurde an dem System – auch von Jürgen Habermas selbst –, dass eine optimierte Zustimmung zu Formulierungsvorschlägen den eigentlichen Argumentationsprozess nicht ersetzt. Eine wesentliche Qualität persönlicher Deliberation geht bei digitaler Vermittlung verloren: zu erleben, wie jemand anderes die Welt sieht, seine Betroffenheit und Unsicherheit zu spüren, aber auch seine Überzeugung. Dieses Erleben baut Empathie auf und verändert, wie man andere Positionen wahrnimmt. Wer an einer Deliberation teilnimmt, muss seine Haltung erklären und verteidigen. Dieser Zwang zur öffentlichen Begründung hat einen eigenen demokratischen Wert: Er diszipliniert, weil sich reine Eigeninteressen nicht ohne Weiteres als allgemeines Argument vortragen lassen.
Unabhängig davon zeigt das Experiment, dass KI potenziell in der Lage ist, aufwändige Moderations- und Dokumentationsaufgaben zu übernehmen. Offen bleibt aber, ob ein KI-generierter Konsens die tatsächlich stattgefundene – oder eben ausgebliebene – Auseinandersetzung der Teilnehmenden widerspiegelt oder lediglich kaschiert. Denn Konsens durch Formulierungsgeschick ist nicht dasselbe wie Konsens durch Überzeugung.
(Hinweis: Jürgen Habermas protestierte gegen die Verwendung seines Namens für das Projekt; DeepMind kündigte daraufhin an, auf die Namensnennung zu verzichten.)
