Häufig gibt es Vorbehalte gegen Bürgerbeteiligung, die sich bei näherer Betrachtung als unbegründet erweisen.
Im Folgenden werden gängige Irrtümer über Bürgerbeteiligung dargestellt und widerlegt.
|
Bürgerbeteiligung verlangsamt Entscheidungsprozesse. Zu viele Meinungen führen zu endlosen Diskussionen. |
Frühzeitige Bürgerbeteiligung kann Entscheidungsprozesse beschleunigen, weil sie schwelende Konflikte erkennt, die sonst zu Verzögerungen führen würden. Durch Bürgerbeteiligung entsteht ein klares Bild von den in der Bevölkerung vorhandenen Meinungen und Interessen. |
|
Projekte werden teurer und komplizierter. |
Bürgerbeteiligung kann teure Fehlplanungen vermeiden, wenn Bürger ihr wertvolles Alltagswissen und genaue Ortskenntnisse einbringen können. Außerdem kann jeder durch Beteiligung vermiedene Konflikt Zeit und Geld sparen. |
|
Bürger haben nicht genug Fachwissen; komplexe Sachverhalte sind für Laien kaum verständlich. |
Bürgerbeteiligung kann fehlendes Fachwissen um die Orts- und Lebensweltkenntnisse der Bürger (Alltagsexpertise) ergänzen. Bürgerbeteiligung kann komplexe Themen verständlich aufbereiten – das kommt dann auch den ehrenamtlichen Kommunalpolitikern zugute. |
|
Beteiligung verstärkt bestehende Konflikte. |
Bürgerbeteiligung kann schwelende Konflikte erkennen und bearbeiten, bevor sie eskalieren. |
|
Es dominieren Emotionen statt sachlicher Argumente. Es besteht die Gefahr von Polarisierung oder Blockaden. |
Bürgerbeteiligung kann bei konfliktreichen Projekten zur Befriedung beitragen und verhärtete Fronten aufweichen. Sorgfältig durchgeführte Bürgerbeteiligung kann für Verständigung sorgen und Protest verhindern. |
|
Beteiligungsverfahren können von Einzelinteressen gekapert werden. |
Bürgerbeteiligung macht unterschiedliche Interessen sichtbar und mögliche Einflussnahmen transparent. |
|
Bürger erwarten mehr Einfluss, als tatsächlich möglich ist. Wenn Vorschläge nicht umgesetzt werden können, entstehen Enttäuschung und Frustration. |
Bürgerbeteiligung kann durch frühzeitiges Erwartungsmanagement dafür sorgen, dass von Anfang an Klarheit über die Grenzen der Mitwirkung besteht. Bürgerbeteiligung erklärt nachvollziehbar, warum bestimmte Vorschläge aus rechtlichen, finanziellen oder praktischen Gründen nicht umgesetzt werden können. |
|
Beteiligung erfordert einen hohen finanziellen, personellen und organisatorischen Aufwand. |
Die Kosten für Bürgerbeteiligung sind gering im Vergleich zu den Kosten, die durch politische und planerische Verzögerungen, Klagen oder Projektabbrüche entstehen können. |
|
Teilnehmende an Beteiligungsverfahren sind nicht repräsentativ für die Gesamtbevölkerung. |
Bürgerbeteiligung sorgt dafür, dass die Perspektivenvielfalt der Gesellschaft in Beratungen und Entscheidungen abgebildet wird. |
|
Es kommen ja doch immer nur die Gleichen. |
Gute Beteiligung sorgt dafür, dass Einladungsformate, Zeiten und Orte so gewählt werden, dass nicht immer dieselben Personen angesprochen, sondern unterschiedliche Zielgruppen erreicht werden. |
|
Es beteiligen sich oft nur besonders engagierte, laute oder privilegierte Gruppen. |
Bürgerbeteiligung kann mit klaren Verfahrensregeln verhindern, dass die Lautesten dominieren. Gezielte Rekrutierungsverfahren sorgen dafür, dass auch beteiligungsferne Bevölkerungsgruppen einbezogen werden. |
|
Beteiligung untergräbt die gewählten Gremien. |
Bürgerbeteiligung unterstützt gewählte Gremien bei der Entscheidungsfindung. |
|
Bürgerbeteiligung schränkt die Entscheidungshoheit von Politik und Verwaltung ein. |
Bürgerbeteiligung dient fast nie der Entscheidung, sondern der Beratung gewählter Mandatsträger. Bürgerentscheide sind die absolute Ausnahme – 99 Prozent aller Entscheidungen liegen bei den Gewählten. |
Viele vermeintliche Einwände gegen Bürgerbeteiligung treffen dagegen auf die repräsentative Demokratie zu.
Verzögerungen
Entscheidungsprozesse im repräsentativen System sind oft langwierig: Fachausschüsse beraten, Abstimmungen werden vertagt, interne Klärungsprozesse erzwingen Verschiebungen. Koalitionspartner und unklare Mehrheitsverhältnisse erfordern zeitaufwendige Kompromisssuche. Rechtliche Bedenken und Gutachten führen zu Überarbeitungsschleifen. All das gehört zum politischen Alltag und verzögert regelmäßig Entscheidungen.
Auch bei der Realisierun von großen Infrastrukturvorhaben kommt es regelmäßig zu Verzögerungen, weil die Planung unzureichend war, sich die Rahmenbedingungen verändert haben, aufgrund von Lieferschwierigkeiten Bauaktivitäten nicht durchgeführt werden können oder Kosten systematisch unterschätzt wurden. (Beispiele: Stuttgart 21, Flughafen Berlin Brandenburg, Elbphilharmonie Hamburg)
Intransparente Kompromisse
Die typische politische Kompromissfindung findet nicht-öffentlich statt – in Koalitionsausschüssen, Fraktionssitzungen, informellen Vorgesprächen. Dabei kommen nicht selten „faule Kompromisse“ zustande, bei denen die Akteure Lösungen akzeptieren, die keine Seite wirklich zufrieden stellen. Nicht selten werden Formelkompromisse geschlossen, also vage, interpretationsfähige Formulierungen, die den eigentlichen Dissens verdecken. Bei Bürgerbeteiligung dagegen müssen Positionen öffentlich argumentativ vertreten werden. Kompromisse müssen begründet und inhaltlich nachvollziehbar sein. Bürger haben – anders als Mandatsträger – keine institutionellen (Macht-)Positionen zu verteidigen, sondern können pragmatisch nach Lösungen suchen.
Lobbyeinfluss
Eine Einflussnahme von (finanzstarken) Interessengruppen und Lobbyisten auf politische Entscheidungen geschieht meist im Verborgenen. Die transparente Beratungskultur in öffentlichen Bürgerbeteiligungsverfahren dagegen erschwert interessengeleitete Einflussnahmen.
Fehlende soziale Repräsentativität
Kein politisches Entscheidungsgremium bildet die Bevölkerung soziodemographisch vollständig ab. Akademiker, Männer und Ältere sind stark überrepräsentiert. Bürgerbeteiligung kann dagegen gezielt unterrepräsentierte Gruppen einbeziehen und eine große Bandbreite der Bevölkerung abbilden.
Schwindende Legitimationsbasis
Die formale Legitimation gewählter Gremien wird zunehmend fragwürdig. Bei einer Wahlbeteiligung von unter fünfzig Prozent, wie sie bei Kommunalwahlen häufig vorkommt, repräsentiert selbst ein einstimmiger Beschluss keine Mehrheit der Wahlberechtigten. Darüber hinaus ist die Wahlbeteiligung regelmäßig sozial ungleich verteilt und insbesondere bei den 18- bis 25-Jährigen am niedrigsten aller Altersgruppen. Bürgerbeteiligung dagegen kann gezielt diejenigen einbeziehen, die sich an Wahlen nicht (mehr) beteiligen.
Fazit
Umsichtige Planer und weitsichtige Entscheider verzichten niemals auf Bürgerbeteiligung, denn gut gemachte Beteiligung kann:
- Verständnis für die Komplexität politischer und planerischer Entscheidungsprozesse schaffen,
- politische und planerische Entscheidungen qualitativ verbessern,
- bisher übersehene Aspekte herausarbeiten,
- neue Ideen und Lösungen hervorbringen,
- Bedenken und Widerstände frühzeitig erkennen,
- Konflikte vermindern oder sogar beseitigen,
- Blockaden bei politischen Entscheidungen ausräumen.
Interessierte und betroffene Bürgerinnen und Bürger sind gut beraten, Beteiligungsangebote wahrzunehmen.
- Wer teilnimmt, ist frühzeitig informiert über Vorhaben, die das eigene Lebensumfeld betreffen – häufig lange bevor Entscheidungen getroffen werden.
- Beteiligung bietet die Möglichkeit, Expertenwissen um eigenes Wissen und eigene Erfahrungen zu ergänzen, so dass Planungen und Entscheidungen verbessert werden.
- Bürgerbeteiligung eröffnet die Chance, Einfluss zu nehmen, Alternativen ins Spiel zu bringen und Kompromisse mitzugestalten.
Weitere 10 Antworten auf häufige Vorbehalte gegen Bürgerbeteiligung hat die Allianz Vielfältige Demokratie veröffentlicht.
