Krisenbeteiligung bezeichnet die selten praktizierte Einbeziehung der Bevölkerung in Entscheidungsprozesse im Zusammenhang mit außergewöhnlichen Belastungssituationen – zum Beispiel Naturkatastrophen, Großschadensereignissen oder Pandemien.
Krisen sind gekennzeichnet durch extremen Zeitdruck, Informationsunsicherheit und Handlungsdruck. Kommunikative Risiken wie Polarisierung und Desinformation können zu krisenverschärfenden Reaktionen beitragen. Bürgerbeteiligung erscheint in solchen Situationen als hinderlich und potenzieller Störfaktor: Sie ist zu langsam, zu aufwendig und zu ergebnisoffen. Hinzu kommen die Geheimhaltungslogik bei kritischer Infrastruktur und die Dominanz von Fachexperten.
Der Blick auf die verschiedenen Phasen einer Krise zeigt jedoch, dass es durchaus Beteiligungsmöglichkeiten für die jeweiligen Problemlagen gibt.
In der Phase vor einer Krise kann Beteiligung präventiv zur Vorsorge beitragen durch:
- Schaffung von dauerhaften Krisenbeiräten und lokalen Netzwerken, die im Ernstfall schnell aktivierbar sind
- Gemeinsame Erarbeitung von Katastrophenschutzkonzepten
- Entwicklung von Beteiligungsverfahren und -formaten für verschiedene Krisenszenarien
- Online-Plattformen und Diskussionsforen für die kollaborative Ideenfindung zur Krisenresilienz
- Kooperationen mit Schulen und Nachbarschaftstreffs zur Förderung von Maßnahmen zur Eigenvorsorge und zur Festlegung von dezentralen Anlaufstellen.
In der akuten Krisenphase können die in der Vorkrisenphase etablierten Strukturen aktiviert werden. Zusätzlich zu klassischen Einwegkommunikationsmitteln wie Radiodurchsagen und Warn-Apps sind folgende Maßnahmen denkbar:
- Bürgerschaftliche Mitglieder in Krisenstäben – als Vermittler zwischen Entscheidungsträgern und Nachbarschaften und zur Verhinderung von Desinformation; bei Stromausfällen auch zur Besetzung von Informationsständen, die digitale Kanäle ersetzen
- Crowdmapping oder Mängelmelder, auf denen Bürgerinnen und Bürger Schadenslagen, blockierte Straßen oder Hilfsbedarfe in Echtzeit melden
- Blitzumfragen über Social Media oder Messenger-Dienste zur schnellen Lageeinschätzung aus der Bevölkerung
Die Nachkrisenphase bietet Möglichkeiten für institutionelles Lernen. Durch Evaluation der ergriffenen Maßnahmen können Schlussfolgerungen zur Fehlervermeidung bei zukünftigen Krisen gezogen werden. Hierfür eignen sich z. B.:
- Fokusgruppen mit besonders betroffenen Gruppen (Pflegebedürftige, Alleinerziehende, Menschen mit Behinderung),
- Zukunftswerkstätten zur Entwicklung von Strategien für künftige Krisen,
- Krisen-Bürgerräte, die Empfehlungen für die Überarbeitung von Katastrophenschutzkonzepten entwickeln.
In der Praxis verhindert häufig die Angst der Verantwortlichen vor Schuldzuweisungen und die Gefahr von Skandalisierungen durch Medien eine Krisenbeteiligung – insbesondere während und nach der Krise. Umso wichtiger sind Beteiligungsmaßnahmen in ruhigen Zeiten, die Strukturen zur Krisenbewältigung aufbauen, bevor sie gebraucht werden.
